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Für die Praxis: Kompetenznachweis International (KNI) in Individualpädagogischen Hilfen im Ausland

Eingestellt von Katja Rothmeier am 16.02.2017 um 7:21 AM

 

Die ergänzende Handreichung des KNI für die Hilfen zur Erziehung ist erschienen und steht der Jugendhilfepraxis zur Verfügung.
Sie kann bezogen werden über die Geschäftsstelle unseres Verbandes und ist auch als Download auf unserer Webseite zu finden.

In den vergangenen Monaten haben wir immer wieder von der Entwicklung der Handreichung und unseren Pilot-Erfahrungen berichtet – jetzt ist es soweit, dass das Instrument in unseren Feldern einsatzfähig ist.



Wie genau kommt der KNI nun in die Praxis?

Schritt 1 – Entscheidung für den KNI und Vorbereitung / Planung der Implementierung im Träger
Interessierte Träger setzen sich mit den Spezifika des Kompetenznachweis International auseinander. Hier ist es von besonderer Bedeutung, die konsequent dialogische und partizipative Haltung, die der KNI als Rahmen benötigt, anzuerkennen und zu befürworten. Idealerweise ist diese Haltung für alle pädagogisch verantwortlich tätigen Mitarbeitenden handlungsleitend. Der Träger prüft, in welcher Form er den KNI einsetzen will. z.B.: Wer soll Coach werden / die Nachweis-Prozesse durchführen? Wie werden die Prozesse in die Qualitätssysteme des Trägers eingebunden? Welche zeitlichen und finanziellen Ressourcen sind erforderlich, um die Arbeit mit dem KNI einzubinden?

Schritt 2 – Durchführungsvoraussetzung KNI- Coach

Für die Umsetzung muss ein zertifizierter KNI-Coach zur Verfügung stehen.
Die Coach-Ausbildung findet in festen Gruppen statt und umfasst zwei 2-tägige Präsenzphasen sowie eine Praxisphase, in der ein erster Nachweis mit einem jungen Menschen im Ausland erarbeitet wird. Die Kosten belaufen sich – ein wenig variierend nach Anbieter – auf ca. 250 € Kursgebühren für die Präsenzphasen zuzüglich Unterkunft und Verpflegung sowie der Kosten für den Aufenthalt im Ausland während der Praxisphase.
Der Bundesverband plant, diese Coach-Ausbildungen zukünftig selbst anzubieten. Die Ausbildung kann jedoch auch bei einem anderen zertifizierten Anbieter absolviert werden.
Sowohl Betreuer*innen als auch Leitungskräfte oder aber unabhängige externe Coaches können einen KNI mit jungen Menschen durchführen.

Schritt 3 – junge Menschen über den KNI informieren und für die Durchführung gewinnen
Zu Beginn der Praxis- / Umsetzungsphase stellt der Coach den jungen Menschen den Nachweis mit seinen Möglichkeiten in (einem) ersten Gespräch(en) vor und wirbt für die Durchführung eines Nachweis-Prozesses. Dabei ist es besonders wichtig, den Nutzen des Nachweises darzustellen sowie die Haltung, die hinter dem gesamten Instrument steht: der junge Mensch wird umfassend in die Entstehung des gesamten Nachweises eingebunden, beginnend von der Projekt-Auswahl über die Planung und Durchführung der Aktivitäten, den reflexiven Dialog mit dem Coach bis zur Auswahl der Aspekte, die im Nachweistext Eingang finden.

Schritt 4 - Durchführung
In der Praxisphase nimmt der Coach die Rolle des Beobachtenden ein, der dem jungen Menschen Reflexionsmöglichkeiten zur Verfügung stellt und mit ihm gemeinsam Kompetenzen entdeckt und sichtbar macht - es ist jedoch nicht Aufgabe des Coaches, den jungen Menschen bei der Planung und Durchführung mit Rat und Tat zu unterstützen! Stattdessen stellt er vor allem Zeit, seine geschulte Beobachtungsgabe und Dialogfähigkeit zur Verfügung.
Die Projektphasen können dabei von sehr unterschiedlicher Dauer sein und sowohl in einem komprimierten zeitlichen Block wie auch über einen langen Zeitraum hinweg durchgeführt werden. Im Kontext der Internationalen Jugendarbeit wird eine durchschnittliche Zeit-Investition von ca. 25 Beobachtungs- /Kontaktstunden empfohlen.
Die Projekte werden grundsätzlich im Ausland und unter Beteiligung / Einbindung von Menschen aus dem Gastland geplant und durchgeführt. Sie folgen stets der Systematik von vier aufeinanderfolgenden Prozess-Schritten:
Projektanalyse und -entscheidung – Beobachtung – Dialog – Nachweistext

Diese Beschreibungen mögen für Pädagog*innen, die noch nicht vertraut sind mit dem Instrument, erst mal kompliziert klingen. Wo fängt man da an? Hier bietet der Bundesverband gern seine Unterstützung an. Sprechen sie uns an, wenn sie den KNI planen oder einfach noch Genaueres erfahren wollen.


Wie profitiert die Erziehungshilfe im Ausland von dem KNI?
Das Handlungsfeld wird dank des Instruments bei Auslandsaufenthalten darin unterstützt, Anlässe für non-formales und interkulturelles Lernen bewusster zu ermöglichen und zum Teil auch zu schaffen. Damit wird zum einen der Blick über den Tellerrand des unmittelbaren Betreuungsumfeldes hinaus erweitert und die Betreuungsstellen/-orte nicht mehr ausschließlich als „pädagogische Inseln“ wahrgenommen.
Des Weiteren lässt sich ein wichtiger Paradigmenwechsel etablieren. Indem sich die Erziehungshilfe den interkulturellen Entwicklungsmöglichkeiten konsequenter öffnet, würdigt sie das Gastland als Chancengeber statt es, wie im Kontext des finalen Rettungskonzeptes, in erster Linie als „Krisen-Parkplatz“ zu begreifen – die Veränderung dieser Perspektive dürfte die Kraft haben, den Blick der Gastländer auf unser Tun im besten Falle positiv zu beeinflussen und die interkulturelle Gemeinschaft zu stärken.
Der Wert des KNI als Qualitätsentwicklungsinstrument zeigt sich in seiner partizipativ und auf Selbstwirksamkeit ausgerichteten Didaktik: er ist konsequent dialogisch aufgebaut und betont sowie unterstützt die Selbstreflexivität und –verantwortlichkeit der jungen Menschen wie auch ihrer Betreuer.
 
Begründung und Legitimation individualpädagogischer Settings im Ausland wurden lange Zeit abgeleitet von einem „…möglichst weit weg von…“ – Jugendliche sollten auf Zeit weit weg vom Einfluss schädigender Milieus, weit weg von vertrauten urbanen, sprachlichen und kulturellen Räumen leben und sich entwickeln können. Für die Wahl einer Unterbringung im Ausland schien jedoch überwiegend die möglichst passgenaue Eignung des direkten Betreuungsstandortes/der Betreuungspersonen entscheidend zu sein. Hilfeplanung wurde meist im Rahmen einer solchen „Insel“ gedacht, Entwicklungsoptionen an die direkten Betreuungspersonen und ihr jeweiliges unmittelbares Familien-/Lebenssystem gebunden.
Die erweiterten Möglichkeiten, die durch die Einbeziehung des sozialen Umfeldes und der Netzwerke vor Ort (Vereine, Schulen u.a.) entstehen, blieben in dieser Arbeit lange Zeit verborgen und damit ungenutzt. Gerade diese Situationen und Freiräume ermöglichen es aber, nicht-formale Lernerfahrungen zu machen. Bei näherer Betrachtung werden mittlerweile verpasste Chancen sichtbar: wir wissen heute, dass die für unser berufliches und privates Leben bedeutsamen Kompetenzen zu etwa 70 % in nicht-formalen Kontexten erworben werden.
Die guten Erfahrungen der Wirkmächtigkeit informeller und nicht-formaler Bildungsprozesse im Rahmen von Projekten der internationalen Jugendarbeit können und müssen unserer Ansicht nach dringend auf die Konzeptionierung von Hilfen zur Erziehung im Ausland angewandt und übertragen werden. In diesem Sinne muss Erziehung als Persönlichkeitsentwicklung und Selbstwirksamkeit mit dem Recht auf Ermöglichung gesellschaftlicher Teilhabe und der Stärkung von Beschäftigungsfähigkeit verstanden werden und die Ziele erzieherischer Hilfen ganzheitlich in einem erweiterten Bildungsbegriff aufgehen.

Die ergänzende Handreichung steht hier zum Download bereit.

Die Handreichung wird vom Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. herausgegeben und ist in Zusammenarbeit mit IJAB Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. und dem JugendSozialwerk Nordhausen e.V. entstanden. Sie wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und des Bundesverband Individual- und Erlebnispädagogik e.V. gefördert.

Geschrieben von Heike Lorenz und Eva Felka
Mitautorinnen der Handreichung KNI in den Hilfen zur Erziehung

 

 

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