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Trauernde Kinder und Jugendliche in der Erlebnispädagogik

Eingestellt von Katja Rothmeier am 23.03.2011 um 8:08 AM

 

Weitere Wege in der Erlebnispädagogik?
von Hans-Georg Renner


Trauernde Kinder und Jugendliche sind für viele Erlebnispädagogen auf den ersten Blick eine neue Zielgruppe. Eine neue Zielgruppe wirft natürlich Fragen zur Programmgestaltung auf und kann Erfolgsdruck bei den Anbietern verursachen: Muss ich als Veranstalter ein völlig neues Angebot erarbeiten? Wird von mir möglicherweise ein therapeutisches Angebot verlangt?

Trauer
Den Begriff Trauer möchte ich zunächst gerne eingrenzen. Es gibt viele Traueranlässe, so zum Beispiel Liebeskummer, den sicher schon viele von uns erlebt haben. Im folgenden bezieht sich der Begriff Trauer auf die Trauer nach dem Tod eines nahen Menschen.

Trauer ist eine natürliche und gesunde Reaktion auf einen Verlust und manche Menschen sagen, Trauer ist Liebe. Wir verfügen über genügend Selbstheilungskräfte um unsere Trauer ausleben zu können. Manchmal reichen unsere Selbstheilungskräfte nicht aus und wir suchen uns Unterstützung. Gründe können in einer erschwerten Trauer
liegen und dazu zählen wir im Kindes- und
Jugendalter den Tod eines Elternteils oder eines Geschwister. Kinder in Trauergruppen trauern zu 80% um Vater oder Mutter.

       
        Foto: Schaab, Einzeln und Gemeinsam

Es gibt noch keine ausreichenden Angebote für trauernde Kinder und Jugendliche und es gibt zur Zeit nur sehr sehr wenige erlebnispädagogische Angebote für trauernde Kinder und das, obwohl sich die Kinder dies deutlich wünschen. So äußerten die Geschwister lebensverkürzend erkrankter Kinder auf dem 2. Deutschen Kinderhospizforum ihre Wünsche und an erster Stelle stand: Erlebnispädagogische Angebote, weil sie unser Selbstvertrauen und auch unser Zusammengehörigkeitsgefühl steigern können.

Wege der Erlebnispädagogik
Aus meiner Sicht gibt es zwei direkte Wege zur Arbeit mit trauernden Kindern und Jugendlichen innerhalb der Erlebnispädagogik.

Der erste Weg ist der, trauernden Kindern ein „übliche“ erlebnispädagogische Freizeit anzubieten. Es braucht kein besonderes Konzept denn die übergeordneten Ziele der Erlebnispädagogik passen auch auf diese Zielgruppe. Viele Eltern und Selbsthilfegruppen suchen eine „ganz normale“ erlebnispädagogische Freizeit für ihre Kinder. Sie erwarten keine spezielle Trauerbegleitung in diesem Angebot, sondern möchten ihren Kindern die gleichen „üblichen“ Erfahrungen ermöglichen, die auch allen anderen Kindern zugänglich sind.
Natürlich wird im Vorfeld offen dargelegt, dass an dieser Freizeit ausschließlich trauernde Kinder teilnehmen aber weiter gibt es keinen speziellen Programmpunkte oder Ansätze.
Dieser erste Weg entlastet Anbieter davon, etwas Besonderes leisten zu müssen, beispielsweise eine Trauerbegleitung mit der sie keine Erfahrung haben. Andererseits erfüllt es die Wünsche vieler trauernder Kinder und Jugendlicher, sowie ihrer Eltern, an einer „üblichen“ erlebnispädagogischen Freizeit teilnehmen zu können.

Der zweite Weg ist es, mit Trauerbegleiterinnen gemeinsam eine Freizeit oder ein Angebot zu planen und durchzuführen. Trauerbegleiterinnen sind meist sehr engagiert, verfügen allerdings nicht über erlebnispädagogische Qualifikationen. Sie sind aber oft sehr an einer Zusammenarbeit interessiert. In diesen Programmen wird es mehr Zeiten für Gespräche geben. Trauernde Menschen suchten seit Jahrtausenden die Natur auf und an dieser Tradition sollten wir wieder anknüpfen, denn in der Natur sind wir von Leben und Vergehen umgeben. Gerade die Sinneserfahrungen in der Natur bieten sich aus der Überzeugung an, dass wer seinen Lebenssinn sucht, mit seinen Sinnen beginnen sollte.

"Natur erleben heißt auch mit dem Sterben leben."
Martina Schaab

 

 

Foto: Schaab, Fährschiff


Einige Regionalgruppen innerhalb der Kinderkrebshilfe haben bereits erlebnispädagogische Programme durchgeführt. Das psychologische Institut der Uniklinik Leipzig hat dabei folgende Ergebnisse festgestellt:

  • Die Geschwister zeigten eine anhaltende Verbesserung im körperlichen Wohlbefinden,seltener körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Bauchschmerzen oder
    Schwindelgefühlen
  • Weniger depressive Verstimmungen
  • Höhere Fähigkeit zu eigenständigen Problemlösungen
  • Bedürfnis nach Kontakt untereinander, auch nach der Maßnahme
  • Die Eltern stellten vor allem ein verbessertes seelisches Befinden bei ihrem Kind fest. Erlebten ihr Kind freudvoller, weniger ängstlich und weniger unsicher.

                             Foto: Schaab, Lichtblick

Weitere Wege
Es gibt noch weitere neue Zielgruppen im Umfeld trauernder Kinder und Jugendlicher:

  • Die Mitarbeiter in Hospizen und auf Palliativstationen sind interdisziplinär zusammengesetzt. Für die Zusammenarbeit von Menschen aus verschiedenen Berufskulturen, sind Outdoor Teamtrainings ein sehr wirksames Mittel. Meines Wissens hat bisher kein Palliativ- oder Hospizteam eine derartige Weiterbildung angeboten bekommen.
  • In Zusammenarbeit mit Profis aus der Kinderhospizarbeit sind Angebote für lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche möglich. Hierbei sind Erfahrungen in der Arbeit mit mehrfach behinderten Kindern hilfreich.
  • Angebote für trauernde junge Erwachsene (18 bis 30Jährige) sind äußerst rar. Diese Zielgruppe lässt sich von erlebnispädagogischen Programmen sicherlich leicht begeistern.
  • Erlebnispädagogische Angebote für die ganze Familie und speziell für trauernde Eltern. Die Scheidungsrate ist bei trauernden Eltern extrem hoch und gemeinsame Erlebnisse können dem ein wenig entgegenwirken und positive Impulse setzen.

Ansprechpartner für alle vorgestellten Wege finden wir in Trauergruppen, ambulanten Hospizdiensten, Regionalgruppen der Kinderkrebshilfe, Selbsthilfegruppen zu lebensverkürzenden Erkrankungen, Kinderkliniken, Hospizen, Kinderhospizen und pädiatrische Palliativstationen.

Ausblick
Die Erlebnispädagogik verfügt über viel Erfahrungen mit traurigen Kindern und Jugendlichen und ist gut vorbereitet für die Arbeit mit trauernden Kindern und Jugendlichen. Eine zarte Pflanze der Erlebnispädagogik beginnt zu wachsen, kümmern wir uns um sie

 

Foto: Schaab, Zarte Pflanze

 

Autor: Hans-Georg Renner, Erlebnispädagoge und Trauerbegleiter. Kontakt www.natuerlich-trauern.de

 

 

 

Fotos: Alle Fotos von Martina Schaab, Diplom-Heilpädagogin, Kunsttherapeutin und Erzieherin aus Köln.

 

 

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